Warum dieser Film?

„Statt ‚Zukunft’ fanden sie den Tod“. So titelte ich 2003 meine Kurzreportage über ein Massaker mit 69 Toten in der honduranischen Strafvollzugsanstalt mit dem klangvollen Namen El Porvenir – die Zukunft.
Innerhalb des kleinen mittelamerikanischen Landes Honduras nahm kaum jemand Anstoß daran, dass in einem Gefängnis 69 Menschen sterben mussten. „Es waren ja nur Mareros“, diese Antworten hörte ich oft, wenn ich mein Entsetzen über den Vorfall kundtat.
Auch außerhalb von Honduras interessierten diese Toten nicht wirklich, schließlich gehört Honduras nicht zu den Ländern, denen normalerweise internationale Aufmerksamkeit gewidmet wird. Geopolitisch unbedeutend, schafft es dieses Land nur dann in die internationale Berichterstattung, wenn extrem außergewöhnliches vorfällt. Wie zum Beispiel 1998, als der Hurrikan Mitch sich über dem Land austobte und für Tausende von Toten und Milliardenschäden im Land sorgte. Oder wie zum Beispiel 2009, als der liberale Präsident Manuel Zelaya von Militärs ins Ausland verschleppt wurde und die Oligarchie des Landes mit Hilfe der Militärs unwiderruflich demonstrierte, das sie nicht gewillt ist, an ihren Macht- und Ausbeutungsbefugnissen rütteln zu lassen. Ein Putsch, der das sowieso schon völlig verarmte Land noch weiter zerrüttete.

Zurück zu El Porvenir im Jahr 2003

Bei dem Massaker starben insgesamt 69 Menschen, darunter drei Besucherinnen. Es war Besuchstag und die beiden Frauen und ein Kind waren zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort. Von den 66 Toten Häftlingen gehörten 61 der Mara18 an.
Die meisten der Toten waren also Mareros – Mitglieder der berüchtigten Jugendbanden, die sich als Migrantengangs in den 1980er Jahren auf den Straßen von Los Angeles gründeten. Mitte der 1990er Jahre wurden viele dieser Bandenmitglieder aus den USA in ihre mittelamerikanischen Heimatländer deportiert, auch nach Honduras. Dort wurden seit Ende der 1990er Jahre die beiden bekanntesten Banden, die Mara 18 und die Mara Salvatrucha/MS immer größer, gefährlicher und skrupeloser.
Der Krieg zwischen diesen beiden großen Banden, der Mara 18 und die MS, forderte bereits tausende von Toten in Mittelamerika. Beide Banden sind eng verwoben im Menschen-, Drogen- und Waffenhandel der Region. Beim Kampf gegen diese Jugendbanden setzten die Regierungen Anfang dieses Jahrtausends auf Repression, auf Wegsperren, auf die „Politik der harten Hand“. Daneben agierten selbst ernannte soziale Säuberungskomitees auf den Straßen der großen Städte und erschossen nach eigenem Gutdünken Jugendliche ohne mit größerer strafrechtlicher Verfolgung rechnen zu müssen.
In dieser aufgeheizten Stimmung kam es im April 2003 zu dem Massaker von El Porvenir und zwei Jahre später, im Frühsommer 2005, starben im Gefängnis der honduranischen Industriemetropole San Pedro Sula 104 Gefangene. In einer völlig überbelegten Baracke brach Feuer aus. Die Baracke blieb verschlossen und die meisten der Insassen erstickten. Später wurden die verkohlten Leichen im Innenhof des Gefängnisses aufgereiht.

Durch meine Arbeit in und über Honduras (Dokumentarfilm „Adelante Muchachas“, Migrationsroute, DeportationenPerspektivlosigkeit der Kinder und Jugendlichen), lernte ich Coni Lustenberger kennen, die als Freiwillige im Gefängnis El Porvenir arbeitet und schnell bereit war, uns einen Einblick in ihre Arbeit zu geben. Dank dem engagierten Schweizer Filmproduzenten Peter Spoerri PS Film Zürich, konnten wir den Film realisieren.


Erika Harzer
November 2011