inside El Porvenir

ein Film von Erika Harzer / Rainer Hoffmann




El Porvenir bedeutet Zukunft und El Porvenir heißt auch eines der beiden Gefängnisse der honduranischen Hafenstadt La Ceiba.
Dort in El Porvenir sitzen Christian Arzú, Julio Bolton, Rosny Castellanos und José Antonio Flores. Verurteilt wegen Mord, Vergewaltigung, Raub, illegalem Waffenbesitz, Mitgliedschaft in einer Jugendbande oder aber noch in Untersuchungshaft. Ohne Verfahren. Ohne Urteil.
Christian und Julio waren Mareros, Mitglieder der im Drogen-, Waffen- und Menschenhandel involvierten schwerbewaffneten Jugendbande Mara 18. Von den Eltern und der Gesellschaft vergessen, wurde die Bande zu ihrem Familienersatz.

In der Bande fehlt es dir an nichts. Weder an Essen, noch an Geld, auch nicht an Frauen. Nichts fehlt dir da. Allerdings siehst du dauernd Blut. Und wer dem nicht gewachsen ist, kann schon verrückt werden durch all die Sachen, die man da sieht.

Christian Arzú

José Antonio war Bandenchef einer weniger martialisch agierenden Stadtteilbande und doch war er in skrupellose Mordgeschichten verwickelt.  

Mit 14 Jahren hatte ich noch den Plan, Rechtsanwalt zu werden. Aber dann bremsten mich die Laster aus. Kokain und Alkohol zerstörten meinen Traum. Ich blockierte mich selbst und verwandelte mich in eine Bestie.

José Antonio Flores


Rosny wuchs in einer Mittelschichtsfamilie auf und begann als Jugendlicher mit seinen Freunden sich zu bewaffnen. Er sitzt wegen Mord in El Porvernir, verurteilt zu 22 Jahren.

Wenn ich entlassen werde, möchte ich meinen Frisörladen aufmachen, nach vorne schauen. Will Sachen suchen, die gut sind für mich, für meine Zukunft, meine Familie, meine Tochter und alle Freunde. Keine Probleme mehr!

Rosny Castellanos

El Porvenir liegt gut 8 km vom Stadtzentrum La Ceiba entfernt hinter großflächigen Ananasplantagen multinationaler Konzerne direkt am Rande des tropischen Regenwaldes eines der großen Naturschutzgebiete Honduras.
Das Gefängnis hat eine Kapazität für über 500 Gefangenen. Ende 2010 ist es unterbelegt. Bis zu 22 Häftlinge sind in schmalen Zellen untergebracht, in jeweils 5 übereinander liegenden Pritschen. Ein Gefängnis ohne jegliches staatliches Resozialisierungsprogramm und mit einem eigenen, von einflussreichen Gefangenen organisierten inneren Wachschutzsystem. Ohne Hilfe von Außen, durch Familie oder Freunde, ist der Gefängnisalltag in El Porvenir ein harter Überlebenskampf für die Einzelnen.

Freigelassen zu werden, ist für sie ein Risiko. Solange sie im Gefängnis sind, wird ihr Leben als Ausgetretene respektiert. Als Entlassene wird es für Ex Bandenmitglieder gefährlich.Gefängnisdirektor Regalado

Im Frühjahr 2003 sorgt El Porvenir für Schlagzeilen auch weit über die Landesgrenzen hinaus. Bei einem Massaker kamen 69 Personen ums Leben, 3 Besucher und 66 gefangene Mareros.

Hier ging ich durchs Tor und konnte alles sehen: all die Toten, einer auf dem anderen. Dort vorne am Eingang bei der heiligen Jungfrau stapelten sich die Toten. Viele Mareros.Julio Bolton

Es war nicht das erste und auch nicht das letzte grausame Massaker in einem der honduranischen Gefängnisse.

Mein Sohn war 25 Jahre alt. Es war sehr schmerzhaft, so ein Kind zu verlieren. Fast hätte ich ihn nicht mal identifizieren können.Nolbia Isabel Núñez, freiwillige Aids-Beraterin

Seit mehr als 5 Jahren besucht Coni Lustenberger regelmäßig das Gefängnis von El Porvenir. Die 46jährige Schweizerin gehört keiner Entwicklungshilfeorganisation an, sie arbeitet auf Freiwilligenbasis, unterstützt von einem Spenderkreis aus ihrer Heimat. Vor mehr als 16 Jahren kam sie nach Honduras und begann mit ihrer Unterstützung für Straßenkinderprojekte. Noch heute ist dies neben Aids-Beratung, Aids-Tests und der Unterstützungsarbeit für die Gefangenen von El Porvenir einer der Schwerpunkte ihrer Freiwilligenarbeit in Honduras.

Vor ein paar Jahren hielt sie ihren ersten Vortrag im Gefängnis. Ein ernüchternder Moment für die Schweizerin. Sie sah, wie wenig Hilfestellung den Menschen hinter Gittern angeboten wurde. Seither besucht sie regelmäßig die Gefangenen von El Porvenir, bietet Kurse an, darunter auch Sport und diverse Bildungsangebote. In Gesprächsrunden informiert sie über gesellschaftlich relevante Themen, leistet Rechtshilfe und macht Botengänge für Gefangene ohne Familienangehörige – ein Beitrag für die Wahrung der Menschenrechte auch für die hinter Gittern lebenden Menschen.

Viele fragen mich, ob ich nicht Angst habe, wenn ich ins Gefängnis gehe. Aber ich sage den Leuten immer wieder, dass ich mich im Gefängnis sicherer als beim herumlaufen in der Stadt La Ceiba fühle. Ich habe immer Respekt, aber keine Angst.Coni Lustenberger

Die Geschichten der Gefangenen erzählen von einem Leben voller Gewalt in einem Land, in dem die  Kultur des Tötens täglich mehr Raum gewinnt.

In diesem Land gibt es mehr als eine halbe Million Waffen aller Art. Per Gesetz sind 5 Waffen pro Person erlaubt. Das wollen sie jetzt reformieren. Es gibt so viele Waffen und illegale Waffengeschäfte. Und mit Alkohol und Drogen ist das ein finsterer Cocktail.Monseñor Rómulo Emiliani, Diözese San Pedro Sula

Einem Land, in dem Korruption als normaler Bestandteil des politischen Geschehens angesehen wird, in dem im Jahr 2009 der demokratisch gewählte Präsident aus dem Land geputscht wurde und das in den letzten Jahren mehr und mehr vom organisierten Drogenhandel zerrüttet wird.

Wir leben in einem Drogenstaat und dazu auch noch unter einer defacto Regierung, die eben von diesem Drogenhandel in schrecklicher Weise bestimmt wird.Karla Lara, politisch engagierte Sängerin




inside El Porvenir
ist ein Einblick ins Alltagsleben hinter honduranischen Gefängnismauern beispielhaft erzählt von den vier Gefangenen Christian Arzú, Julio Bolton, Rosny Castellanos und José Antonio Flores.

 

mit:
Christian Edward Arzú
Julio Alberto Bolton
Rosny Juanes Castellanos
José Antonio Flores
Coni Lustenberger
Jorge Regalado Hernández
Monseñor Rómulo Emiliani
Karla Maria Lara
Nolbia Isabel Nuñez

Buch:
Erika Harzer

Regie:
Erika Harzer / Rainer Hoffmann

Bildgestaltung:
Rainer Hoffmann

Montage:
Karen Lönneker

Ton:
Thomas Keller

Filmmusik:
Antonio und Dualizm

Postproduktion
BASISberlin

Produktion:
PS Film GmbH - Zürich

Archivmaterial:
Comcevisa – Teleceiba, La Ceiba Honduras
„Quien dijo miedo“, Terco Producciones, Honduras
Cesar Silva, Silva Producciones, Honduras
La Prensa, Honduras

Musik:
La casa de la justicia,
Text: Roberto Sosa
Musik: Rosario Rodríguez
Interpretin: Karla Lara
CD „Donde Andar“ Karla Lara
TPCD-01012004
© Terco Producciones, Tegucigalpa Honduras